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Abad–Benjamin. Korrespondenzen.

Eine Wandcollage über das Werk von Francesc Abad

 

Die Entstehung des interaktiven Bands block W. B.
Die ehemalige Wandcollage, die jetzt mit den Möglichkeiten einer Präsentation im Internet als interaktives Band gezeigt wird, geht auf die jahrzehntelange Arbeit des Konzeptkünstlers Francesc Abad (Terrasse, 1944) zurück. Entscheidend für seine Arbeit war die Erfahrung der Franco- Diktatur, die damit einhergehende Auslöschung des Gedächtnisses der Opfer und auch die Wahrnehmung der verheerenden Aspekte des industriellen Fortschritts. All das prägte die Aktionen und Installationen schon in den frühen Jahren seines Schaffens. Aus seinem Unbehagen heraus begann Francesc Abad Anfang der 80er Jahre verstärkt mit der Lektüre gesellschafts- und kulturkritischer Autoren. Schon bald entdeckte er eine große Affinität zu Philosophen wie Ernst Bloch, Walter Benjamin und Th. W. Adorno. Vor allem das vielseitige Denken Walter Benjamins übte auf ihn eine anhaltende Faszination aus, die sich immer wieder in seinen künstlerischen Projekten zeigt.

 

Aus dieser jahrzehntelangen Auseinandersetzung ging die 2006 im Museum von Granollers eröffnete Installation block W. B. hervor, ein umfassendes multimediales Archiv von Objekten, Bildern, Zitatsammlungen, Künstlerbüchern (Denktagebüchern) und Videos. Es handelte sich um eine neue Zusammenstellung der Spuren vorausgegangener Installationen, die wegen ihrer meist ephemeren Beschaffenheit nur auf Fotografien und in Videos überdauerten. Diese materielle und virtuelle Dokumentation der Arbeit von Francesc Abad gliederte sich um das Gerüst der – bis zum damaligen Zeitpunkt bekannten (und ins Katalanische übersetzten) – 18 Thesen Über den Begriff der Geschichte von Walter Benjamin (Berlin,1889 - Portbou,1940). In der Installation von Granollers entsprach jeder der frei mit den Zitaten assoziierten 18 Materialgruppen ein Computerbildschirm, wo die nun digital gespeicherten Elemente zu sehen waren. Thematische Schwerpunkte bildeten Begriffe wie Erinnerung und Vergessen, die Zeit, die Flüchtigkeit des Vergangenen, Spuren, Passagen, die Geschichte der Opfer, Schmerz, Zivilisation und Barbarei, Kritik des Fortschritts und utopische Überschreitung.

 

Die Thesen über den Begriff der Geschichte stellen für Francesc Abad einen Schlüsseltext dar, insofern Benjamin darin eine Theorie der Konstruktion der Geschichte aus der Perspektive der Opfer entwickelt. Die Thesen wurden 1940 verfasst, kurz bevor Benjamin aus dem von Hitlers Truppen besetzten Paris flüchten musste. Unter dem Eindruck der politischen Ereignisse treten sie ein für ein Konzept historischer Erfahrung im Augenblick der Gefahr, für die Erfahrung der Unterdrückten, für einen Akt der Bewusstwerdung gegen das Vergessen und einen Akt der Rebellion gegen die Kontinuität der Macht. Die Ausstellung block W.B. ist das Ergebnis der Interpretation und Adaptation der benjaminschen Begriffe von Kunst, Erinnerung und Geschichte mit den Mitteln eines konzeptuellen Künstlers.

 

Im Jahr 2008 ging die Ausstellung block W. B. Ein Denken, das Bilder erschafft – dank der Initiative des Institut Ramon Llull nach Berlin. Sie wurde begleitet von einer Reihe von Debatten zur Frage der Beziehung zwischen Kunst und historischer Zeugenschaft. Ein dreisprachiger Katalog (Katalanisch, Spanisch und Deutsch) lieferte außerdem eine ausgiebige Zusatzdokumentation mit Überlegungen von Francesc Abad selbst und Zitaten der von ihm bevorzugten Denker, zusammengestellt vom Kommissar der Ausstellung Manel Clot.

 

Schließlich zeigte das Goethe-Institut Barcelona im Herbst 2010, im Rahmen einer Hommage an Walter Benjamin anlässlich des siebzigsten Jahrestags seines Todes an der französisch-spanischen Grenze in Portbou, eine kleine Auswahl von Manuskripten, Stücken und Videos des Projekts block W. B. Die Ausstellung wurde am 28. September in Anwesenheit des Künstlers eröffnet und dauerte bis Dezember 2010. Da das Institut nicht über einen großen Ausstellungsraum verfügt, mussten die ausgestellten Elemente auf vier Stockwerke verteilt werden – eine Notlösung, die aber dem fragmentarischen und labyrinthischen Charakter des benjaminschen Denkens wie auch des Werks von Francesc Abad nicht unangemessen war.

 

 

Die Wandcollage Abad-Benjamin

Um nicht auf einen Überblick über das weitgefächerte und langjährige Schaffen Francesc Abads verzichten zu müssen, optierten die Kommissarinnen der Ausstellung, Lupe García und Claudia Kalász, für eine Wandcollage. Ein Band von etwa einem Meter Breite aus blauem Stoff (sowohl die Farbe als auch das Material stehen in Beziehung zu Motiven des Künstlers) wurde über die Wände des Veranstaltungssaales gespannt (ungefähr 18 Meter). Mit Kopfstecknadeln und Kreppband – von Francesc Abad selbst benutztes Material, das den provisorischen und ephemeren Charakter unterstreicht – wurden darauf Reproduktionen von Denktagebüchern, Fotos, Zitaten, Zeitungsausschnitten, Abbildungen der verschiedenen Aktionen und Installationen, direkt mit Walter Benjamin zusammenhängendes Material und biografische Informationen über den Künstler befestigt.

 

Die Ordnung war nicht chronologisch und linear, sondern assoziativ, im Sinn jener Methode des Zitierens, die sowohl Benjamin als auch Abad anwenden, bei der die Konstellation disparater Elemente zu momentaner Erleuchtungen führen kann. Francesc Abad, der seine Arbeit immer als offene Werkstatt verstanden hat, erlaubte uns großzügig, sein Material mit aller Freiheit zu verwenden. Wir haben getan, was wir von ihm gelernt hatten: ausschneiden und aufkleben – „Schnitt und Konfektion“.

 

Auf diese Weise entstand eine Art Wandkatalog, der die Beziehung Abad-Benjamin interpretierte und somit den außergewöhnlichen Dialog eines katalanischen Künstlers mit einem der immer noch aufwühlendsten Denker des 20. Jahrhunderts dokumentierte.

 

Der Inhalt wurde gemäß einiger Schlüsselmotive im Werk Francesc Abads strukturiert: Historische Erinnerung; Exil; Der historische Index der Bilder; Fortschritt und Erinnerung der Verlierer; Das Labyrinth der Erfahrung; Globalisierung, Building-Bildung; Kultur und Barbarei; Denken; Sprache; Dialektisches Bild; Natur; Francesc Abad; Walter Benjamin – Passagen; Schmerz – Utopie; Die Spuren der Geschichte.

 

Im Unterschied zu üblichen Ausstellungen, die vom Betrachter verlangen, dass er stehen bleibt und die Objekte einzeln hintereinander ansieht, wollte das Band in Bewegung wahrgenommen werden. Der Betrachter sollte an ihm entlanggehen um den Zusammenhang wie eine Passage von Assoziationen zu erfassen. Wie sonst hätte man den Werdegang eines Konzeptkünstlers, der die Gedanken aus der Konstellation von Elementen hervorblitzen lässt, besser darstellen können?

 

Wie auch alle Installationen von Francesc Abad selbst, wäre die Wandcollage am Ende verschwunden, wenn er nicht beschlossen hätte, sie fotografieren zu lassen, um sie in ein Internet-Projekt zu verwandeln.

 

 

Die interaktive Wandcollage

Die interaktive Präsentation akzentuiert das Konzept der Wahrnehmung in Bewegung. Sie erleichtert die Erfassung des Ganzen und verbessert zugleich die Möglichkeit, sich in Details zu versenken. Der Mediengestalter Adolf Alcañiz montierte aus den Fotos der Wände ein kontinuierliches Band, das man nun zum einen vor sich ablaufen lassen kann, das aber zum anderen erlaubt, einzelne Bilder festzuhalten. Jedes Element kann in einem Pop-up-Fenster geöffnet werden, in dem die Abbildung in besser Qualität mit einer Erklärung erscheint. Außerdem ist es möglich, von einem Index aller Abbildungen direkt zum gewünschten Bild zu gelangen. Zum ersten Mal können Seiten der Denktagebücher von Nahem gelesen werden. Sie sind vergrößert, transkribiert und auch übersetzt worden.

 

Die Wandcollage als Ganzes bietet einen Einblick in die Weise, wie Francesc Abad Gedanken und Einfälle miteinander verbindet oder wie er frühere Motive im Lauf der Jahre wieder hervorholt und modifiziert. Sie hilft aber vor allem verstehen, in welchem Maß sein Verständnis von Kunst, der Aufgabe des Künstlers und sein Engagement für die Geschichte der Unterdrückten aus dem konstanten und fruchtbaren Dialog mit dem Denken Walter Benjamins hervorgehen.

 

 

                                                                                                          Claudia Kalász